Ob Sport- oder Musikverein, Flüchtlings- oder Nachbarschaftshilfe, Kirchengemeinde- oder Betriebsrat, Feuerwehr oder Chor – bürgerschaftliches Engagement ist in vielen Bereichen nicht wegzudenken. "Es ist uns ein Anliegen, dieses ehrenamtliche Engagement auch herauszustellen und deutlich zu machen, wie wichtig es ist", sagt Landrat Lothar Wölfle.

Seit 2001 gibt es den Förderpreis für bürgerschaftliches Engagement. Er ist mit 6000 Euro dotiert und wird jedes Jahr auf einem anderen Gebiet verliehen. In diesem Jahr zeichnet der Landkreis Engagement im Bereich des Umwelt- und Naturschutzes aus. Je 1500 Euro erhalten Vogelschützer Gerhard Knötzsch, die Ortsgruppe Markdorf des Bunds für Umwelt und Naturschutz (BUND), der Angelsportverein Friedrichshafen und der Imkerverein Markdorf. Einen Sonderpreis in Form eines Büchergutscheins erhält die Initiative Solawi Bodensee.

Rechnerisch ist jeder Zweite im Bodenseekreis ehrenamtlich aktiv, das ist bundesweit ein Spitzenwert. Und das, obwohl es den Engagierten oft schwer gemacht wird: Jeder Jugend-Übungsleiter braucht ein erweitertes polizeiliches Führungszeichen, jeder Verein muss sich ebenso an Datenschutzrichtlinien, Steuervorgaben und Hygieneregeln halten wie ein Unternehmen.

Um Ehrenamtliche im Alltag zu unterstützen, bietet die Servicestelle bürgerschaftliches Engagement im Landratsamt Informationen, Beratung und die Möglichkeit, sich zu vernetzen. "Viele Vereine haben ähnliche Probleme, wie Buchführung oder EU-Datenschutzverordnung. Denen bieten wir kostenlose Weiterbildung bei der Volkshochschule an", sagt Wölfle.

Die Vereine schätzen die Kooperation mit den Behörden. "Wir bekommen Zuschüsse für Gerätschaften", sagt Wolfgang Schüssler vom Imkerverein. "Wir sind nicht immer einer Meinung, aber wir haben eine vertrauensvolle Zusammenarbeit", sagt Franz Beer vom BUND. "Wir sind froh, dass die Stadt Anteile bei uns hat. Einmal in der Woche wird in der Herberge mit Solawi-Gemüse gekocht", sagt Uta Wentzky.

 

Diese Projekte wurden ausgezeichnet

Gerhard Knötzsch: Vogelschützer, Landschaftspfleger Traktorfahrer, Kuratoriumsmitglied und Betreuer straffällig gewordener Jugendlicher: Seit Jahrzehnten engagiert sich Gerhard Knötzsch, nicht nur für den Naturschutz. 1957 wurde er mit 19 Jahren Mitglied der Ortsgruppe des Deutschen Bundes für Vogelschutz, heute Naturschutzbund Deutschland (Nabu). 1976 übernahm er den Vorsitz, den er über 40 Jahre lang innehatte. Er gründete die internationale ornithologische Arbeitsgemeinschaft Bodensee, nimmt seit 1962 an den internationalen Wasservogelzählungen teil, leitet Pflegeeinsätze im Eriskircher Ried und betreut die Altweiherwiesen in Oberteuringen. Zehn Jahre kümmerte er sich um straffällige Jugendliche bei ihren Arbeitseinsätzen im Ried. Er wurde in den Naturschutzbeirat von Stadt und Kreis berufen und ist Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung Naturschutzzentrum Eriskircher Ried. „Sein gesamtes Engagement, welches sich über einen beispiellos langen Zeitraum erstreckt, kann als wirklich weitreichend, selbstlos und mit großem Wirkungskreis beschrieben werden“, heißt es in der Laudatio. 

BUND-Ortsgruppe Markdorf: Für die BUND-Ortsgruppe Markdorf nimmt der langjährige Vorsitzende Franz Beer den Preis in Empfang. Er gehört seit Gründung der Markdorfer Gruppe im Jahr 1983 dazu. Der BUND pflegt für den Naturschutz wichtige Flächen wie den Eisweiher und das Hepbacher-Leimbacher Ried. Für die Landschaftspflege hat die Ortsgruppe sogar eigene Heckrinder gekauft. Sie pflegt eine Streuobstwiese, unterstützt Obstbauern mit dem Apfelsaftprojekt bei der Vermarktung von Streuobst und verkauft alte Obstsorten. Zusammen mit dem Kreis gründete die Gruppe das Weißstorchprojekt, um wildlebende Störche in der Region wieder anzusiedeln. Auf diese Weise trägt der BUND vor Ort zur Biodiversität bei und betreibt Amphibien- und Artenschutz. Er engagiert sich auch in Umweltbildung, Verkehrs- und Siedlungsplanung und hat einen konstruktiven Dialog mit den Behörden in Stadt und Kreis etabliert. „Das Engagement der BUND-Ortsgruppe Markdorf ist in seiner Vielfalt, Menge und Intensität absolut herausragend und sticht deutlich, auch im Vergleich mit anderen Naturschutzgruppen, hervor“, sagt Landrat Lothar Wölfle. 

Angelsportverein Friedrichshafen: Der Angelsportverein Friedrichshafen widmet sich seit fast 100 Jahren nicht nur dem Angeln, sondern ebenso dem Erhalt und der Verbesserung der Lebenswelt Wasser. Vor allem unterstützt er die Bodensee-Seeforelle. Um ihr den Zugang zu Laichgebieten in der Rotach zu ermöglichen, setzt sich der Verein für deren Fischdurchlässigkeit ein. Mit der Fischbrutanstalt Langenargen betreibt er das Seeforellenprojekt, bei dem der Laich abgestreift, ausgebrütet und als Brütling so bald wie möglich zurückgebracht wird. Zudem kümmern sich die Mitglieder um die Heger-Weiher in der Lipbach-Senke, halten Ufer und Wasser der Rotach sauber, erarbeiten Stellungnahmen zu wasserbaulichen Vorhaben und sind in der Jugendarbeit aktiv. „Durch das Engagement des Angelsportvereins Friedrichshafen konnte in den letzten Jahren eine wirkliche Veränderung des Lebensraums Rotach festgestellt werden, die zu einer deutlichen Verbesserung der Lebensbedinungen der bedrohten Bodensee-Seeforelle und damit erfreulicherweise zu ihrer Bestandserhöhung geführt hat“, heißt es in der Begründung.

Imkerverein Markdorf: 130 Mitglieder des Imkervereins Markdorf betreuen 700 Bienenvölker im Bodenseekreis. Sie erzeugen auch Honig, aber vor allem kümmern sie sich um die Gesundheit der Bienen und um eine ihnen wesensgemäße Umgebung. Dafür pflegen und bauen die Mitglieder Insektenweiden mit speziell ausgewählten Pflanzen und Saaten aus. Sie unterstützen nachhaltigen Landbau mit vielfältigem Frucht- und Blühangebot. Der Verein versteht sich als Anwalt nicht nur der Bienen, sondern aller Bestäuberinsekten. Er veranstaltet Informationsabende und bringt Kinder an Schulen mit Bienen in Kontakt. Beim Tag der offenen Tür im Mustergarten am Lehrbienenstand Baitenhausen können Besucher viel über Bienen, Bestäuberinsekten und Zusammenhänge in der Natur erfahren. „Ohne Bienen keine Äpfel“, bringt es Lothar Wölfle auf den Punkt. „Das Engagement des Imkervereins Markdorf ist ein unerlässlicher Beitrag zu unser aller Leben im Landkreis und soll deshalb mit dem Förderpreis ausgezeichnet werden“, urteilt die Jury.

Sonderpreis für Solawi Bodensee: Solawi bedeutet solidarische Landwirtschaft – der im Frühjahr 2015 gegründete Verein will einen persönlichen Bezug und eine soziale Verbindung zur Gewinnung und Verteilung von Lebensmitteln entwickeln. 120 Mitglieder haben in Raderach einen Hektar Ackerland gepachtet und ein Foliengewächshaus errichtet. Dort bauen sie Gemüse an, das an die Mitglieder verteilt wird. Drei Profigärtnerinnen helfen, die Mitglieder arbeiten mit. Darüber hinaus gibt Solawi Workshops zu Themen wie Bienen oder Ackern für den Klimaschutz. Der Verein ermöglichte es Flüchtlingen, Erfahrungen mit ökologischer Gemüseproduktion zu sammeln. Im vergangenen Schuljahr hat er eine Acker-AG für Schüler der Vorbereitungsklassen im Bildungszentrum Markdorf angeboten, auch die Kindergartenkinder der Villa Kunterbunt sind regelmäßig zu Gast. „Dieser ganzheitliche Ansatz, welcher weit über reine Flächennutzung hinausgeht, erreicht viele Menschen und bewirkt eine Bewusstseinsveränderung in der Bereichen Ernährung und Nachhaltigkeit“, so die Begründung. 

Erschienen im Südkurier am 12.12.2018