26. Januar 2013

Mit den Urviechern im Ried

Mit Urviechern im Ried

Erschienen im Südkurier am 26.01.2013 Von Waltraud Schwarz

Heckrind

Bild: Schwarz

 

Keine Auerochsen sondern Heckrinder sind es, die helfen, bei Markdorf ein Sumpfgebiet zu erhalten.

Wie bitte? Auerochsen am Bodensee? Da hatte jemand wohl einen sonderbaren Traum, ausgelöst vermutlich nach intensivem Konsum von Literatur über eine Epoche, in der die Menschen Felle und Speere trugen, Feuer ein kostbares Gut war und Künstler mit spektakulären Höhlenmalereien Zeugnisse ihrer Existenz hinterließen. Nein, nein. Er habe die Tiere in der Nähe von Markdorf beobachtet, versichert der Überbringer der merkwürdigen Nachricht und behauptet, keine Fata Morgana gehabt zu haben. Also hin zum Ostufer des Bodensees, nachschauen. Tatsächlich. Nicht weit von Markdorf grasen sie in einem Sumpfgebiet namens Eisweiher. Im Zwielicht eines Wintertags streifen mehrere Kühe durchs Gelände. Ein imposantes Bild, durchaus tauglich als Kulisse für einen Film, der in grauer Vorzeit spielt.

Die massigen Tiere mit ihren mächtigen Schädeln und den langen, nach vorn gebogenen Hörnern sind natürlich keine Auerochsen oder Ure, wie sie auch genannt werden. Diese sind nämlich seit dem ersten Drittel des 17. Jahrhunderts ausgestorben. Es sind so genannte Heckrinder, die da eine beiendruckende Vorstellung geben. Sie sind nicht als Augenschmaus für Wanderer im Ried unterwegs, sondern haben eine Aufgabe zu erledigen. Sie sind Landschaftsgärtner. Das mag man kaum glauben angesichts des vermatschten Geländes, dessen Boden von den Hufen der Schwergewichte so aufgewühlt ist, dass Laien meinen, da sei alles so gründlich zertrampelt, dass Vegetation kaum noch eine Chance hat.

Doch genau das Gegenteil ist der Fall, wie Franz Beer, der Vorsitzende des Bund für Umwelt- und Naturschutz (Bund) Markdorf und sein Vize Jörg Münch erläutern. Da nämlich, wo gerade triefend nasse Erde, vermischt mit beachtlichen Kothaufen, unter den Gummistiefeln knatscht, ruht Vielfalt. Weil so mancher Wurzel der Garaus gemacht wird, haben die Samen anderer, neuer Pflanzen die Chance, sich anzusiedeln. Unter der Erdoberfläche tobt ein Kampf, in dessen Folge das Ried im Lauf der Zeit wieder zu einer ursprünglichen Landschaft wird. Seit 2005 ist das der Fall. Seit diesem Jahr lässt der Bund unter der Schirmherrschaft des Landrats die Kolosse auf dem bis zur Säkularisierung Anfang des 19. Jahrhunderts dem Kloster St. Gallen gehörenden Gebiet weiden. Die Fläche, die nun dem Land Baden-Württemberg gehört, wurde lange Zeit intensiv landwirtschaftlich genutzt. Es herrschte Monotonie statt Artenvielfalt. Bei der von der EU verlangten Ausweisung von Naturlebensräumen (gemäß der sogenannten Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie(FFH)) nutzte der Bund Markdorf, der sich schon Jahre zuvor mit Heckrindern beschäftigte, die Chance und kaufte von einem Biobauern aus der Oberpfalz einige Exemplare. Eine weitere Herde mit 18 Tieren, ebenfalls unter den Fittichen des Bund, stromert in einem Schutzgebiet bei Heppach-Limbach ein paar Kilometer weiter entfernt herum.

Fündig auf der Suche nach den passenden Bewohnern der beiden Riede wurden die Markdorfer bei Helmut Gradl in Postbauer-Heng, einem Ort 30 Kilometer südlich von Nürnberg. Der 52-Jährige hält seit Ende der 80er-Jahre Heckrinder. 50 grasen neben 14 Bisons auf den 70 Hektar des Grünland-Betriebs. Mit Wisenten hat Gradl es auch schon versucht. Doch die seien zu aggressiv und könnten kaum artgerecht versorgt werden.

Anders die anspruchslosen Heckrinder. Die Tiere seien „schon was Besonderes“, sagt Gradl und spielt auf „Gen- Reserven“ an, die in direkter Linie zum Auerochsen, dem Urahn aller Rinderrassen, führen. Zur Rückzüchtung habe man Arten wie das ungarische Steppenrind genommen, die am wenigsten von Menschen manipuliert gewesen seien. Das Fleisch seiner urwüchsigen Viecher verkauft Gradl an Privatkunden, die nach hochwertigem Fleisch suchen. Fürs Gewerbe seien die Tiere nicht geeignet, weil sie nicht normiert gezüchtet werden könnten. Nicht nur deswegen gehe der Bestand, der in Deutschland bis 2005 gewachsen sei, in Zukunft zurück. Die EU-Bürokraten machten Bauern wie ihm das Leben zu schwer. Ohne solche „Saurier“, wie Gradl Idealisten wie Franz Beer bezeichnet, sähe es um die Zukunft der Heckrinder noch schlechter aus.

Franz Beer zeigt Luftaufnahmen vom Eisweiher, die vor gar nicht langer Zeit entstanden sind: Die wie mit dem Lineal gezogene Rechtecke sind Äcker, dazwischen ein der Geometrie dieser Landschaft angepasster schnurrgerader Bach. Heute schweift der Blick über ein Idyll: Das Bächlein darf durch Haine, Gestrüpp und offene Landschaft mäandern und natürliche Tümpel und Sumpf bilden. Dass die Gegend nicht verbuscht, ist den Heckrindern und ihrem Speiseplan zu verdanken. Sie zupfen Gras, laben sich an Reisig und schälen Bäume. Sie prägen mit ihrem Fressverhalten die Landschaft. „Sie haben gestalterische Fähigkeiten“, sagt Franz Beer. Außerdem sind sie pflegeleicht. Sie ertragen locker Temperaturen bis zu minus 20 Grad. Selbst neugeborene Kälber hüpfen im Winter quietschfidel in der Herde herum.

Die Menschen, die anfangs mit der Anpflanzung von Bäumen und Sträuchern nachgeholfen haben, mischen sich nur noch selten in dieses Biotop ein. Für allerlei seltene Tiere ist das eine Einladung. Weil nicht mehr gemäht wird, finden Spinnen eine ideale Bodenstruktur vor, Laubfrösche fühlen sich wohl, „eine beachtliche Heuschreckenfauna“ beobachtet Beer, Ringelnattern und seltene Libellen tummeln sich ungestört. Käfer im Rinderkot ziehen Vögel an, die Gebüsche bieten Platz für Nester, auch Wiesenbrüter finden ihre Plätze. Seltene gefiederte Exemplare fühlen sich wohl: Neuntöter, Braunkehlchen, Feldschwirl, zählt Franz Beer unter anderem auf. Durchzügler wie die Sumpohreule hat er schon beobachtet, auch, dass Bekassinen überwintern. Für Störche ist das Gebiet ideal. Manche treten den Zug nach Süden gar nicht an. „Es baut sich nach und nach eine Lebensgemeinschaft auf“, beschreibt Beer das Resultat der Bemühungen des Bund.

Ein geschultes Auge kann auf trockenen Hängen und Magerrasen seltene Gräser entdecken. Nur nach den Orchideen, die auf dem Gelände einmal heimisch waren, hält man meistens vergeblich Ausschau. Franz Beer ist optimistisch. Auch sie werden sich wieder ansiedeln, ist er sich sicher. „Die Natur denkt in Jahrtausenden“.




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